Das Ende der GOETHE als Raddampfer
E. Hackenbruch
Nach der letzten Fahrt unter Dampf muss das Eingeständnis erfolgen, daß der Protest gegen die Verdieselung des letzten Rheindampfers nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt hat.
Zwar konnten die aktiven Kämpfer für den Erhalt des historischen Zeitzeugen eine große Schar auch prominenter Unterstützer gewinnen, dennoch ist es trotz vielfältiger Aktionen nicht gelungen, eine breite Öffentlichkeit für unser Anliegen zu mobilisieren.
Die erfahrene Zustimmung und die gewonnene Sympathie haben nur bedingt zu aktiver Unterstützung geführt.
Die Denkmalpflege wollte wegen der diversen Umbauten am Schiffskörper nur die Unterschutzstellung der Maschine befürworten. Wenn man diesen Maßstab an Gebäude anlegen würde, dann könnte man m. E. 80 % von ihnen aus der Denkmalliste entfernen. Nicht nur Gebäude sondern gerade technische Anlagen wurden immer wieder durch Umbauten der Entwicklung angepasst. So ist u. a. der viel bestaunte Kölner Dom kein lupenreines Zeugnis mittelalterlicher Gotik, vielmehr konnte er erst im 19. Jhdt. mit der Technik des industriellen Zeitalters vollendet werden. Kein Mensch käme aber auf die Idee, nicht das gesamte Gebäude als Denkmal zu betrachten.
In den Medien konnten wir zwar unsere Argumente darstellen, aber gegen die mediale Präsenz der KD hatten wir keine Chance. Typisches Beispiel dafür sind die letzten Zeitungsmeldungen und die gemeinsame Presseerklärung der Stadt Köln mit der KD, in denen die Meinung verbreitet wird, daß gerade durch den Ausbau der Dampfmaschine und ihre „Unterschutzstellung ….der Fortbestand der GOETHE langfristig gesichert“ sei. Hier werden die Zerstörer eines historischen Fahrzeugs gleichsam zu den Bewahrern von technischer Kultur gemacht. Da erübrigt sich m. E. jeder Kommentar.
Die Ausflaggung der KD nach Luxemburg soll hier nur ergänzend erwähnt werden.
Das Schiff liegt in der Werft und wird mittlerweile für den Umbau vorbereitet. Die ausgebaute Dampfmaschine soll im Kölner Stadtmuseum präsentiert werden.

Die Ursachen für unser Scheitern und die Stimmung nach dem Verlust des allerletzten Rheindampfers bringt der folgende Radiobeitrag von Heinrich Schöneseifen treffend zum Ausdruck:
Abschiedsbrief an einen armen, alten Dampfer,
SWR 4, 6. Oktober 2008
Liebe „Goethe“,
vielleicht bist Du schon unterwegs auf dem schwersten Kurs Deiner Geschichte. Man wird Dir das Herz herausreißen, das fast 100 Jahre lang präzise und zuverlässig in Deiner Mitte geschlagen hat. Man wird Dir ein Künstliches einpflanzen, von dem man sagt, es schlage besser. Und meint: Billiger. Als ob man einem Konzertflügel einen CD-Spieler einbaute, mit dem Argument, der mache doch auch Musik. Das Kunstherz wird wahrscheinlich nicht lange halten, denn einer Deiner Schwestern auf dem Genfer See haben sie es schon wieder herausoperiert und wieder eine richtige Dampfmaschine eingesetzt.
Ich weiß, wie sehnsüchtig und bisweilen beschämt Du nach Deinen Geschwistern auf der Elbe oder gar auf den Schweizer Seen schielst. Die Menschen dort sind so stolz auf ihre Dampfer, hegen und pflegen sie als unverzichtbares Erbe, das ihren Urgroßvätern Mobilität und Wohlstand gebracht hatte. Und ganz nebenbei: Sie profitieren auch davon. Warum das ausgerechnet am Rhein nicht so sein sollte, fragst Du mit Recht. Apropos Erbe: Du warst das einzige Denkmal, das das Weltkulturerbe Mittelrhein mit Leben erfüllt hat. Deine einzigartige Dampfpfeife erinnerte die Menschen im Rheintal immer wieder daran, daß Du, das Dampfschiff, erst die romantische Rheinreise möglich gemacht hast. Und wenn mal gerade keine Burg zu bewundern war, drückten wir uns die Nasen platt an den Schaufenstern zum Maschinenraum, um die sichtbare Kraft, das vibrierende Stampfen Deiner Dampfmaschine zu bewundern.
Alles vorbei? Ich kann es noch gar nicht glauben. Und ich will mir gar nicht vorstellen, wie Du im nächsten Frühjahr mit einem lächerlichen Paddeln Deiner hydraulisch bewegten Seitenräder tagtäglich Dampfschiff mimen musst. Und wenn sie Dir dann auch noch eine elektronische Orgel vor den Schornstein gepflanzt haben, die Dampfpfeife spielt, werde ich jetzt schon wütend. Das Schlimmste: Wir, Deine Freunde, sind schuld, was man Dir da antut. Wir haben geschlafen und sind nicht rechtzeitig aufgewacht, um Dir zu helfen. Mir graut es jetzt schon davor, daß Du uns als mißbrauchter Disney-Dampfer immer wieder daran erinnern wirst.
In Deiner Heimatstadt Köln, die Dich auch im Stich gelassen hat, sagt man: Mach et joot!
Ein trauriger Dampferfreund.
Heinrich Schöneseifen


